Treasuries unter Feuer
- Alexander Mesch
- vor 4 Tagen
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Der Anstieg der Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen unter geopolitischen Spannungen und die Folgen für die klassische Portfoliodiversifikation
Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries hat sich zu Jahresbeginn 2026 spürbar nach oben bewegt. Stand Anfang Januar noch bei etwa 4,15–4,19 %, kletterte sie bis zum 20. Januar zeitweise auf Werte um 4,28–4,29 % – ein Niveau, das zuletzt im Sommer 2025 gesehen wurde. Dieser Anstieg erfolgt vor dem Hintergrund einer Mischung aus fiskalischen Belastungen und geopolitischen Unsicherheiten, die die traditionelle Rolle von US-Staatsanleihen als sicherer Hafen und Diversifikator in Multi-Asset-Portfolios herausfordern.

Quelle: Workspace LSEG
Geopolitische Treiber des Renditeanstiegs
Mehrere Entwicklungen sorgen derzeit für höhere Risikoprämien am langen Ende der Renditekurve:
Grönland-Krise: Die wiederholten Forderungen der Trump-Administration, Grönland zu erwerben oder zu kontrollieren, haben zu massiven Spannungen mit Dänemark und der EU geführt. Drohungen mit Zöllen von bis zu 25 % gegen ablehnende europäische Staaten ab Sommer 2026 haben europäische Investoren verunsichert – mit potenziellen Verkäufen von US-Anleihen als Reaktion.
Venezuela-Intervention: Die Festnahme von Präsident Nicolás Maduro durch US-Kräfte Anfang Januar hat Ölpreise und regionale Unsicherheiten angeheizt.
Iran-Konflikt: Spekulationen über militärische Optionen halten sich, obwohl jüngste Signale auf Deeskalation hindeuten.
Fed-Unabhängigkeit unter Druck: Berichte über Untersuchungen gegen Fed-Chef Jerome Powell und politische Einflussnahme verstärken Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.
Diese Faktoren überlagern die ohnehin bestehenden fiskalischen Sorgen: Hohe Defizite, steigende Staatsausgaben (inklusive Verteidigung) und ein anhaltend hohes Emissionsvolumen drücken auf die Preise langlaufender Treasuries. Im Ergebnis steigen die Renditen – trotz fortgesetzter Zinssenkungserwartungen der Fed.
Wandel der Rolle als "Save Haven"
Historisch galten US-Staatsanleihen als klassischer Gegenpol zu Aktien: In Rezessions- oder Phasen mit hoher Risikoaversion fielen die Kurse von Aktien, während Anleihepreise stiegen und so Portfoliorisiken dämpften (negative Korrelation). Diese Mechanismus wir zu Begin des Jahres 2026 in Frage gestellt.
Steigende Renditen bedeuten fallende Anleihekurse – in volatilen Phasen können beide Assetklassen gleichzeitig leiden (positive Korrelation). Geopolitische Schocks und Inflationsängste (z. B. durch Zölle) treiben sowohl Aktien als auch Bonds nach unten, wodurch der traditionelle Hedging-Effekt schwindet. Langlaufende Treasuries wirken in solchen Umfeldern teils sogar als Volatilitätsverstärker statt als Stabilisator.
Dennoch bieten US-Staatsanleihen auch Vorteile:
Höhere Einstiegsrenditen (aktuell ~4,3 %) bieten langfristig attraktivere laufende Erträge und Reinvestitionschancen.
Sie bleiben das liquide, kreditwürdigste Fixed-Income-Segment weltweit.
In einem Szenario nachlassender Wachstumsdynamik oder Rezession können sie erneut als sicherer Hafen wirken.
Fazit: Der geopolitisch getriebene Renditeanstieg der zehnjährigen US-Treasuries markiert keinen Abschied vom „sicheren Hafen“, sondern eine Neujustierung seiner Rolle. Wer weiterhin auf klassische 60/40-Portfolios setzt, sollte die veränderte Korrelationslandschaft aktiv adressieren – sonst droht in stressigen Phasen eine schwächere Diversifikationswirkung als in der Vergangenheit erwartet. Die nächsten Monate werden zeigen, ob fiskalische oder geopolitische Risiken die Oberhand behalten. Bis dahin gilt: Die Renditen sind attraktiv – aber der Preis für Stabilität ist höher geworden.



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